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Offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel
Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel Konrad-Adenauer-Haus Klingelhöferstraße 8 10785 Berlin 20.9.20rr
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
der Presse entnahm ich, dass Sie und weitere Präsidiumsmitglieder der CDU sich vor einigen Tagen mit Vertretern der deutschen Bischofskonferenz trafen. In der anschließenden Verlautbarung war dann die Rede von einer ,,christlich geprägten Partei” und der ,,christlichen Prägung unseres Gemeinwesens.”
Wenige Wochen zuvor hatten Sie bereits angekündigt, eine ,,Broschüre zu den christlichen Werten der Partei” herauszubringen, an der sich die Vorstandsmitglieder mit Beiträgen beteiligen sollten. Darin solle aufgezeigt werden, ,,wie das christliche Wertefundament der CDU ihre Politik im Alltag präge” (kath.web).
Gerade in diesen Wochen hätten Sie und hätte Ihre Partei allerdings gleich Gelegenheit gehabt, Ihre ,,christliche Prägung” ganz konkret unter Beweis zu stellen. Doch leider haben Sie diese Gelegenheit nicht genutzt. Und das lässt tief blicken.
Die Rede ist von der Massentierhaltung, die Ende August fast zeitgleich mit Ihrer ,,Anregung” an den Parteivorstand wieder einmal heftig in die Schlagzeilen geriet. ,,Umweltschützer kritisieren Milliardenhilfe für Massentierhaltung” titelte z.B. Spiegel online (29.8.2011). Mit einer Milliarde Euro pro Jahr fördert die Europäische Union die Massentierhaltung, davon 80 Millionen allein für den Bau neuer großer Mastanlagen.
Dann geriet die Firma,,Wiesenhof’als Marktführer dieser auf skandalöse Weise tierquälerischen und umweltschädigenden Branche ins Fernsehen (ARD, 31.8.2011 : ,,Das System Wiesenhof “) mit den entsprechend grauenhaften Bildern, die wir leider längst kennen: verletzte und bewegungsunfähige Tiere neben den Kadavern ihrer bereits verendeten Artgenossen; ,,aussortierte” Putenhähne, die brutal in Plastikbehälter geschleudert werden usw.usf.
,,Die Massentierhaltung schadet dem Klima und der Artenvielfalt, belastet durch Überdüngung die Gewässer und setzt Tiere unnötigen Leiden aus”, sagte dazu Hubert Weiger vom BUND. ,,Der hohe Antibiotikaeinsatz stellt ein Gesundheitsrisiko dar und das aus den Stallanlagen austretende Ammoniak beeinträchtigt Anwohner und Umwelt. Die Agrarsubventionen verschärfen diese Probleme noch und fordern zudem Konzentrationsprozesse bei Mast- und Schlachtbetrieben, womit Arbeitsplätze verloren gehen. “
“Die Bundesregierung stützt das Risikosystem Massentierhaltung”
Etwas Neues ist all das nicht. Aber das ist ja der Skandal. Denn wie Reinhild Benning, Agrarexpertin des BUND, gegenüber der Süddeutschen Zeitung (10. 9. 2011) feststellt: ,,Die Bundesregierung stützt das Risikosystem Massentierhaltung, indem sie scheinbar gar nicht wissen will, welche Antibiotika in welcher Menge eingesetzt werden.”
Und die Süddeutsche schreibt weiter: ,,Es geht um Tierquälerei, Missbrauch von Subventionen, Betrug und Umweltverschmutzung – ein undurchsichtiges System, das von der Politik gestützt wird.”
“Die Merkel-Regierung hat sich hier den Wünschen der Agrarlobby gebeugt.”
Weiter die Süddeutsche Zeitung: ,,Ilse Aigner (CSU) will aus Deutschland eine weltweit führende Fleischexportnation machen, die mit Billiganbietern wie Brasilien und den USA konkurrieren kann.”
Auf dem Rücken der Tiere und der Umwelt, versteht sich. Die Süddeutsche berichtet dann über die Niederlande, wo bereits ein Umdenken eingesetzt hat, doch: ,,Solche Bedenken hat man in Deutschland nicht, obwohl bereits jede zweite Grundwassermeldestelle überhöhte Nitratwerte ausweist – eine Folge von Überdüngung und zuviel Gülle auf den Feldern. ,In den vergangenen Jahren wurden die Umweltbestimmungen sogar noch gelockert. Die Merkel-Regierung hat sich hier den Wünschen der Agrarlobby gebeugt’, kritisiert Benning.”
Und Ihr Abgeordnetenkollege Friedrich Ostendorf von den Grünen kommentiert die grauenhaften Wiesenhof-Bilder mit den Worten: ,,Massentierhaltung ist in Deutschland nicht nur legal, sondern wird von der Bundesregierung aktiv gefördert.” Auch die CDU-geführten Bundesländer, allen voran Niedersachsen, kennen diesbezüglich keine Skrupel. In Wietze entsteht derzeit mit staatlichen Fördermitteln ein Schlachthof, in dem 135 Millionen Hähnchen im Jahr ‘ geschlachtet werden sollen, 27 .000 in der Stunde. Das bedeutet, dass rings um diesen Schlachthof, um ihn auszulasten, weitere 400 Massenställe gebaut werden müssen. Dr. Hermann Focke,Tierarzt und Geflügelexperte, brachte es in der erwähnten ARD-Reportage auf den Punkt:
,,Seit Bestehen der Menschheit hat es kein solches Maß an Tierquälerei gegeben, sowohl qualitativ wie quantitativ, wie in heutiger Zeit.”
Tierquälerei, Umweltbelastung, Gewässerverschmutzung, Monokultur, Überdüngung, Krankheiten und Depressionen bei Menschen, die dort leben müssen … All das scheint aber Ihrer Partei herzlich egal zu sein. Das Schweigen in den Wochen nach diesem Filmbericht spricht jedenfalls Bände. Irgendwelchen Handlungsbedarf scheint man bei der CDU/CSU nicht zu sehen, im Gegenteil: Auch nur zaghafte Reformversuche des EU-Agrarkommissars, der Subventionen an umweltgerechtes Verhalten koppeln und für Großbetriebe eine Subventions – Obergrenze festlegen will, werden von der schwarzgelben Regierung in altbewährter Manier abgebügelt.
Und dann nennen Sie sich und Ihre Partei “christlich ” und führen fromme Reden von “christlicher Prägung”. Ist das nicht ein Hohn auf Jesus Christus, der in der Bergpredigt das Mitfühlen und die Barmherzigkeit mit allem Sein verkündete? Dieses barbarische System mag katholisch oder lutherisch geprägt sein, christlich aber sicher nicht.
“Seit Bestehen der Menschheit hat es kein solches Maß an Tierquälereigegeben, sowohl qualitativ wie quantitativ, wie in heutiger Zeit”. Wer über diesen Satz zur Tagesordnung übergeht, der hat von Christus und von Christentum kaum etwas verstanden. Der ist gegen das Leben, auch wenn er fromme Sprüche im Munde führt.