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Desaster für den deutschen Tierschutz

Zur Erinnerung …..

Lasst die Tiere leben

TierPolitik

D: Desaster für den deutschen Tierschutz

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Veröffentlicht am Freitag, 14. Dezember 2012 13:04
Geschrieben von Melitta Töller

Bundestag Jürgen Matern / Wikimedia Commons, CC-BY-3.0

Der Bundestag hat gestern Nacht mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP ein neues Tierschutzgesetz verabschiedet und damit ein klares Zeichen gegen den Tierschutz gesetzt.

Dr. Martina Stephany, Kampagnenleiterin bei VIER PFOTEN, sagt: „Das neue Gesetz ist ein Desaster für den Tierschutz. Zugunsten der Profitinteressen einzelner Gruppen nimmt Schwarz-Gelb millionenfaches Tierleid in Kauf. Das Tierschutzgesetz ist so beschämend für Deutschland, dass es seinen Namen nicht verdient. Es sollte umbenannt werden in Tierqualgesetz“.

Laut dem neuen Gesetz soll ein Verbot einzelner Wildtierarten im Zirkus nur dann erwogen werden, wenn die Tiere unter „erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden“ gehalten oder befördert werden. Dr. Martina Stephany: „Damit toleriert die Regierung stillschweigend, dass viele Wildtiere im Zirkus nicht annähernd artgerecht gehalten werden. Die Formulierung ist im Vergleich zum alten Tierschutzgesetz ein Rückschritt.“ Auch die…

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Heimat der Folter …….

Während die Ketzer brennen, erheben die Herren der Kirche ihr Kruzifix


2019


16.4. / 17.4.2019 – Kathedrale Notre-Dame: Früher „Heimat der Folter in der Inquisition“, nun Mahnmal – Inhalt: Notre-Dame als die Wiege der Scheiterhaufen / Der Bauherr von Notre-Dame: Massenmord an Urchristen und Muslimen und anschließend Heiligsprechung / Die Verbrennung von Marguerite Porete in Paris – Wer einen Weg zum All-Geist gefunden hatte, wurde zur größten Gefahr für die Machtkirche / In ihren eigenen Bibeln steht es schwarz aurf weiß: „Der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Wer aber wohnt dann stattdessen in Notre-Dame? / Die tiefere Bedeutung der Dornenkronen-Reliquie / Der Glöckner von Notre-Dame und die tatsächlichen Millionen Opfer der Kirche gemäß dem Ausmerzungsdogma der Vatikankirche  / Wie sich die Verstaatlichung von Notre-Dame zum dämonischen Transfer von Kirche und Staat entwickelte

Und hier ein Beweis direkt aus der Notre-Dame, dass die Kirche sich nicht geändert hat

Es blieb einem englischsprachigen türkischen Sender vorbehalten, während des Brands der römisch-katholischen Kathedrale Notre-Dame in Paris darauf hinzuweisen, dass es sich hier um ein „home for torture in inquisition“ handelte, eine Folterheimat der Inquisition, die sich allerdings in ein „Symbol der Hoffnung“ verwandelt habe. (trt.world)

Feuer aus Notre-Dame 1 (links) – Während er Notre-Dame bauen ließ, ließ König Ludwig IX. auf Verlangen des Papstes die Urchristen aus Paris und Umgebung verfolgen. Die Verantwortlichen, nach ihrem Lehrer Amalrich von Bena als Amalrikaner verspottet, wurden in Paris aneinander gefesselt und wegen ihres abweichenden Glaubens dort bei lebendigem Leib verbrannt – Triumph der Kirche 1  Jean Fouquet (1455-1460) aus der Grandes Chroniques de France (Ausschnitt)

Notre-Dame als die Wiege der Scheiterhaufen

Was der Redakteur des türkischen Senders damit alles genau meinte, ist uns nicht bekannt. Hoffnung kann allerdings darin liegen, dass die Ruine jetzt zwischenzeitlich als eine Art Mahnmal für die Millionen Opfer gesehen werden könnte. Denn auch auf Veranlassung von von über Notre-Dame herrschenden Priestern und kirchenhörigen Königen erlitten unzählige unschuldige Menschen grausame Folterqualen und wurden lebendig auf den Scheiterhaufen verbrannt. Und die Ruine ist zumindest noch so lange ein Mahnmal, wie die reiche Oberschicht mit ihren Milliardären nicht den ins Auge gefassten Wiederaufbau mit Hunderten von Millionen Euro an Spenden begonnen haben. 

Feuer aus Notre-Dame 2 
(rechts) – Während er Notre-Dame bauen ließ, ließ König Ludwig IX. auf Verlangen des Papstes auch die urchristlichen Katharer in ihrer Burg Montsegur wegen ihres abweichenden Glaubens bei lebendigem Leib verbrennen – Triumph der Kirche 2

Der Brand der Mauern von Notre-Dame hat die vielen Scheiterhaufen wieder lebendig werden lassen, die von der Papstkirche bis heute nicht gesühnt wurden.
In Paris wurden im Jahr 1210 mehrere Urchristen im Norden Frankreichs in unmittelbarer Nähe der gerade im Bau befindlichen Notre Dame auf dem Scheiterhaufen aneinander gebunden und lebendig verbrannt, so genannte „Amalrikaner„. Ihr „Vergehen“: Sie glaubten an das Wirken Gottes in allem Leben und nicht an die Lügen der Kirche.

Der Bauherr von Notre-Dame: Massenmord an Urchristen und Muslimen und anschließend Heiligsprechung

Doch diese setzte gerade dort bald neue Lügen hinzu: Der später heilig gesprochene König und Massenmörder Ludwig IX. – bekannt durch zwei Kreuzzüge nach Afrika und der Ausrottung der urchristlichen Katharer und Erstürmung ihrer letzten Festung Montsegur in Südfrankreich – hatte sich in Konstantinopel gegen viel Geld die angebliche Dornenkrone von Jesus von Nazareth beschafft, die bald in Notre-Dame deponiert und verehrt wurde. König Ludwig IX. erwies seine unterwürfigste Huldigung gegenüber der Priesterkaste auch dadurch, dass er zum Beispiel barfuß und in Büßerkleidung zur Notre-Dame schritt, um die Reliquie, zu überreichen, dazu auch noch einen „heiligen“ Nagel angeblich von der Kreuzigung von Jesus und einen Splitter vom Holzbalken, alles Fälschungen. Außerdem war Jesus von Nazareth ein Mann des Volkes und niemals ein Mann der Kirche oder von gewalttätigen Herrschern. Bei Wikipedia ist der Charakter des fanatisch katholischen Königs unter anderem mit folgenden Worten umschrieben: „In seinem religiösen Eifer betrachtete sich Ludwig in seiner Eigenschaft als König auch als Bekämpfer der Feinde des Glaubens, womit Häretiker, Ungläubige und Juden zu verstehen waren. Als größte Bedrohung sah er die Katharer an, für deren Bekämpfung er den Aufbau der Inquisition vorantrieb.“ 
Das Massaker an den Urchristen 1243 und 1244 in ihrer Burg Montsegur fand zwischen der Fertigstellung des Südturms von Notre-Dame 1240 und der Fertigstellung des Nordturms 1250 statt. Unter Ludwig IX. wurde Notre-Dame fürs Erste weitgehend fertig gebaut. Und nach seiner Heiligsprechung (unter anderem gilt er als Märtyrer, weil er während seines zweiten Angriffskreuzzugs im Norden Afrikas an einer Seuche starb) im Jahr 1297 wurde er auch zum „Patron von Paris“ ernannt. 

Die Verbrennung von Marguerite Porete in Paris – Wer einen Weg zum All-Geist gefunden hatte, wurde zur größten Gefahr für die Machtkirche

Am 1. Juni 1310, am kirchlichen Pfingstfest, wurde die Gottesbotin Marguerite Porete in Paris durch den dämonischen Transfer von Kirche und Staat lebendig verbrannt, also durch das gemeinsame Betreiben von Kirche und kirchenhörigen staatlichen Obrigkeiten. Sie lehrte und lebte den Weg zu Gott im eigenen Herzen und in der ganzen Gottesschöpfung, und sie weigerte sich, mit der mörderischen päpstlichen Inquisition zu kooperieren. 

Fast vier Jahre später, am 18. März 1314, standen die Priester der Vatikankirche auf dem Vorplatz der Notre-Dame und verkündeten dort das Todesurteil gegen zwei Vertreter des Templer-Ordens, denen man „Ketzerei“ vorwarf, Jaques de Molay, Großmeister des Templerordens und den Ritter Geoffroy de Charnay. Dass sie widersprachen, „Ketzer“ zu sein, nützte ihnen nichts. Auch sie mussten lebendig brennen. Und dieser Vorplatz wurde 2006 umbenannt nach Papst Johannes Paul II., nachdem dieser kurz zuvor verstorben war.

Feuer aus Notre-Dame 3 (links) – Während er Notre-Dame bauen ließ, ließ die katholische Inquisition unter König Philipp IV. auf Verlangen des Papstes auch die Gottesbotin Marguerite Porete bei lebendigem Leib mitten in Paris verbrennen – Triumph der Kirche 3 – Maryanne Bilham (USA) for Divine Eros

Alle diese Folter-Morde geschahen, während sich das „System Baal“ im kirchlichen Gewand mit der Notre-Dame einen steinernen Kolossalbau zur Macht-Präsentation erstellen wollte, für den – wie immer in der Geschichte – das einfache Volk bluten musste. Die Bauzeit der Notre-Dame wird von 1163-1345 angesetzt, die Feuergewalt 2019 setzte dem kirchlichen Steinhaus demgegenüber nun einige Stunden zu.

In ihren eigenen Bibeln steht es schwarz aurf weiß: „Der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“.
 Wer aber wohnt dann stattdessen in Notre-Dame?

Mit Gott haben kirchliche Prachtbauten übrigens nicht das Geringste zu tun. Christen, die darauf hinwiesen, wurden von der Priesterkaste über Jahrhunderte immer wieder grausam ermordet, angefangen mit dem Diakon Stephanus, dessen Worte sogar in den Bibeln der Kirchen nachzulesen sind, jedoch dort in keinster Weise befolgt werden wie auch sonst nicht die Botschaft des Jesus von Nazareth. Stephanus sprach:
„Aber der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht (Jesaja 66,1-2): ´Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen`, spricht der Herr … ´Hat nicht meine Hand das alles gemacht?` Ihr, halsstarrig und unbeschnitten an Herzen und Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist, wie eure Väter, so auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben getötet, die zuvor verkündigten das Kommen des Gerechten, dessen Verräter und Mörder ihr nun geworden seid.“ (Apostelgeschichte 7, 49-52)

Die tiefere Bedeutung der Dornenkronen-Reliquie und ein weiterer Beweis für das wahre Wesen der Kirche

Wenn also Gott nicht in Häusern, die mit Händen gemacht sind, wohnt, wer wohnt dann stattdessen dort? Und wer wohnte in Notre-Dame? 
Die Suche nach einer Antwort führt auch zur tieferen Bedeutung der Zur-Schau-Stellung der angeblichen Dornenkrone von Jesus von Nazareth in Notre-Dame. Einen tatsächlichen Dornenkranz hatte man einst dem „Gerechten“, Jesus, dem Christus, beim Foltermord in die Kopfhaut gepresst. Doch wer präsentiert eine Nachahmung dieses Foltermittels als eine Reliquie gleich einem Triumph über seinen Feind? Man muss kein Tiefenpsychologe sein, um sich folgende Bedeutung zu erschließen: „Wir haben ihn gefoltert und ermordet, und er muss ab jetzt schweigen. Dafür reden nun wir, die Päpste und Priester.“

Und so hat die Kirche auch die Nachfolger von Jesus von Nazareth seit Jahrhunderten ausmerzen lassen, was gerade in Notre-Dame auch auf eine bestimmte Art eindrücklich zur Schau gestellt wird: Denn nach der gefälschten Dornenkrone gilt der goldene Waffenrock des kirchenheiligen Königs Ludwig IX. als nächste bedeutende Reliquie von Notre-Dame, und der ist vermutlich ausnahmsweise echt – so schockierend echt wie auch seine Massenmorde – die Ausrottung der urchristlichen Katharer in Südfrankreich oder auch die Morde an den von ihm überfallenen Muslimen in Ägypten, was sogar bild.de zugibt (16.4.): „Als Oberbefehlshaber des 6. Kreuzzugs (1248 bis 1254)war er für den Tod von vielen Tausenden muslimischen Einwohnern Ägyptens verantwortlich.“ Doch die Muslime hatten, wenn, dann vielleicht eine kleine „Chance“, ihrer Ermordung zu entgehen, ihre bereitwillige Zwangsbekehrung zum katholischen Glauben.

Feuer aus Notre-Dame 4 (rechts) – dieses Mal in die andere Richtung.

Nun könnten moderne Zeitgenossen einwenden und sagen, das sei lange her und heute doch nicht mehr Teil des Glaubens. Dann aber dürfte das Gewand, dass der fanatisch katholische König bei seinen Massakern an unschuldigen Andersdenkenden trug, auch keine Reliquie mehr sein, die von den Katholiken – sogar unter Androhung der Verurteilung bei Zuwiderhandlung, was ewige Höllenstrafen nach sich ziehen soll – verehrt werden muss. Genau das aber wird verlangt. Damit ist auch in Notre-Dame ein weiterer Beweis erbracht: Die Kirche von damals ist die Kirche von heute. Es hat sich im Kern nichts geändert. Das „Glück“ im Unglück für die Notre-Dame-Anhänger, dass der Waffenrock von Ludwig IX. vor dem Feuer „gerettet“ wurde, umschreibt focus.de mit den Worten: „Auch der symbolträchtige Waffenrock des Heiligen Ludwigs und Königs von Frankreichs ist in Sicherheit. Der Kapetinger-Herrscher … galt zu Lebzeiten als frommer Regent“ (17.4.2019).

Der Glöckner von Notre-Dame, „Hochburg des katholischen Glaubens“, und die tatsächlichen Millionen Opfer der Kirche gemäß dem Ausmerzungsdogma der Vatikankirche

Und so waren es Hunderttausende, ja Millionen Opfer der Kirche in Frankreich und in anderen Ländern, die später gleich wie Christus gefoltert und ermordet wurden, weil sie Ihm nachfolgen wollten – in Frankreich sind hier noch aus Südfrankreich die Waldenser oder die Franziskaner-Spiritualen, die sich nicht wie der Hauptorden der Franziskaner auf die Seite der Inquisition schlugen, sondern selbst von dieser ermordet wurden. Oder Menschen, die einfach deshalb auf Betreiben des Katholizismus ermordet wurden, weil sie die Papstkirche kritisiert hatten oder in einigen Details von ihr abgewichen waren, wie der Templer-Orden im 14. Jahrhundert oder im Jahr 1559 der Stadtrat von Paris, Anne du Bourgs, der es wagte, die Verfolgung und Ermordung protestantischer Hugenotten zu kritisieren und darauf hin selbst als deren Anhänger öffentlich aufgehängt und anschließend verbrannt wurde. Usw. usw. 
Hierzu passt dann auch treffend die Stellungnahme des Sprechers der französischen Bischöfe. Er bezeichnete Notre-Dame als „Hochburg des katholischen Glaubens“ (focus.de, 17.4.2019). Dies erklärt sich auch aus den Dogmensammlungen, denn die Ausmerzung von allem, was der Kirche entgegen stehe, gehört bis heute zum verbindlichen Lehrwerk der Vatikankirche. Und wie „Ausmerzung“ verstanden wurde, das hat die katholische Kirche ja Jahrhunderte lang bewiesen. Da braucht man sich nicht von der momentanen Anpassung an den modernen Zeitgeist blenden lassen.

Wer den historischen Roman Der Glöckner von Notre-Dame von Victor Hugo kennt, dessen Handlung aus dem 15. Jahrhundert stammt, der erfährt auch so manches von den Herren von Notre-Dame und den Mächten, die sich hier ein Bollwerk geschaffen haben.
Wenn Präsident Emmanuel Macron  der Namensvetter der größten Glocke in Notre-Dame mit dem Namen Emmanuel – also 2019 angesichts des Brandes klagte, die Notre-Dame sei ein „Teil von uns“, dann wird er wohl wissen, was er damit meinte.

Wie sich die Verstaatlichung von Notre-Dame zum dämonischen Transfer von Kirche und Staat entwickelte

So wird in den Medien verschiedenlich darauf hingewiesen, dass Notre-Dame bei der Französischen Revolution verstaatlicht worden und damit „Herz“ „aller Franzosen“ geworden sei, auch der Atheisten. Desto schlimmer ist es dann aber, dass sich ein Staat wie der französische, der seither „laizistisch“ sein wollte und will (also auf der Trennung von Kirche und Staat basierend), sich aufgrund einer solchen „Verstaatlichung“ nicht nur mit solcher Energie um den katholischen Kult und das grausame klerikale Macht-System sorgt, sondern das alles auch noch finanziert, so dass man auch hier von einem markanten Beispiel für den dämonischen Transfer von Kirche und Staat sprechen kann. So wie es also heute gehandhabt wird, hatten es zumindest diejenigen nicht gemeint, welche die Trennung damals naiv vollzogen haben ohne den langen kalten Atem und die Raffinesse der klerikalen Macht in ihre Überlegungen einzubeziehen.

Auch lässt die Brandruine von Notre-Dame und die Hysterie der Wiederaufbaupläne, die flugs bereits über 700 Millionen Euro an Spenden einbrachte, in den Hintergrund treten, dass erst vor einigen Tagen der ranghöchste französische Amtsträger und „Primas von Gallien“, Kardinal Philippe Barbarin, wegen Vertuschung von Kinderschänderverbrechen von Priestern zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist.

Der Text kann wie folgt zitiert werden:
Zeitschrift „Der Theologe“, Herausgeber Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 60, Opfer der Kirche in jeder Stadt, in jedem Dorf, Wertheim 2009, zit. nach
http://www.theologe.de/mahnmal_fuer_die_opfer_der_kirche.htm, Fassung vom 19.4.2019,
 Copyright © und Impressum siehe hier.

 

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Das Wort zum Sonntag

7. April 2019

Das Wort zum Sonntag

A n k l a g e :

Ich klage das größte, das schwärzeste und ungeheuerlichste Verbrechen der gesamten Menschheitsgeschichte an.

Ich klage den exzessiven, täglichen, globalen Massenmord an der gesamten Tierwelt an, die Versklavung und Entrechtung der gesamten nichtmenschlichen Kreaturen, die Folterung und Ausbeutung unserer Mitwesen, die Vernichtung und den Genozid ganzer Gattungen und Arten, ich klage den Mord an jährlich mehr als 50 Milliarden Lebewesen für den menschlichen Konsum an.

Ich klage an, dass die Menschheit, die als einzige Spezies die moralische Wahl gehabt hätte, den Naturkreislauf von „Fressen und Gefressenwerden“ zu durchbrechen, diesen Kreislauf in einem weltweiten Todeskarussell beschleunigt und ausgebaut hat.

Ich klage an, dass Ehrfurcht vor jedwedem Leben nicht in das Bewusstsein der Menschen gedrungen ist, dass man dem Tier grundsätzliche Rechte verweigert und das Wohlergehen der Menschengattung den Blick für das Leiden aller übrigen Kreatur verstellt hat. Die Endzeit für Tiere hat begonnen, die Tierwelt steht vor der völligen Versklavung oder Ausrottung. Diese Menschheit, die ihr eigenes Wachstum bis heute nicht ächtet, die Erde mit einer ins grenzenlos wachsenden Menschenschicht überzieht, unter der das Leben aller Geschöpfe des Planeten Erde erstickt, hat jeden ethischen Anspruch verwirkt. Ein absurder Größenwahn verweigert der Tierheit ein Recht auf Entfaltung und Lebensraum und es ist „keine plumpe Anklage, wenn man behauptet, dass die meisten Menschen außerstande sind, sich einer Gewissensprüfung zu unterziehen“ (H. H. Jahnn)

Ich klage die Kirchen an, die monotheistischen Kulte, die mit ihrem Gotteswahn und der daraus seit Jahrtausenden resultierenden Glaubenspest den Menschen zu einem Ebenbild ihres imaginären Gottes stilisiert haben, die in der religiösen Werteskala die Tierwelt weit unter die Menschenwelt gestellt hat, die sich ein ewiges Leben erhoffen und gleichzeitig den Tieren eine Seele absprechen, diese Mysterienreligionen klage ich der ethischen Niederträchtigkeit an.

Ich klage sie ferner der infamste Lüge und Unredlichkeit an, Feldzüge für ungeborenes menschliches Leben zu führen, aber bereits geborenes tierisches und sogar auch menschliches Leben der Vernichtung preiszugeben. Sie haben die Tierwelt zum Produktionsfaktor degradiert und sanktionieren in Blutandachten, den Hubertusmessen, den millionenfachen Mord an Wildtieren.

Kirchen, die Vernunft durch „Glaubenswahrheiten“ ersetzen und die dann aufgrund ihrer Glaubenshalluzinationen die Schächtung von Tieren fordern, um ihren blutrünstigen Gott zufrieden zu stellen, sind moralisch und intellektuell diskreditiert.

Kirchen, die in ihrem Kathechismus die Tierwelt ausklammern und von „nicht-personalen Kreaturen“ reden, haben sich ethisch in die Steinzeit zurückversetzt. Christliche Kirchen, die letztmalig am 4.10.1993 ein gemeinsames Papier „Die Verantwortung des Menschen für das Tier“ vorgelegt haben und seitdem zum Tiermord schweigen, haben selbst die Schöpfung, von deren Bewahrung sie täglich lügen, erbärmlich verraten und im Stich gelassen! Es ist dies keine Schande der Kirchen, nein, es ist das größte Verbrechen in ihrer blutigen Geschichte!

Ich klage Gesetzgeber, Politiker, Parteien samt zugehöriger Verwaltungen und Behörden an, die absurden moralischen Wertvorstellungen des Monotheismus aus Gewohnheit und zur eigenen Machterhaltung in Gesetze und Verordnungen umzusetzen. Sie ergehen sich in sophistische Diskussionen über Ethik und verteidigen doppelzüngig die Entrechtung der Tierwelt. Die gesamte Natur wird der Menschenwelt untergeordnet und die Tierwelt in ihrer Daseinsberechtigung ausschließlich nach dem wirtschaftlichen Nutzen eingeordnet.

Ich klage diese Verantwortlichen an, die Ehrfurcht vor tierischem Leben in den wirtschaftlichen Dreck getreten haben und Lebenswürde nur der Menschheit zubilligen. Alle Rechte auf Dasein und Entfaltung, auf Frieden und Leben in eigenen sozialen Strukturen werden hingegen der tierischen Kreatur versagt oder beschnitten. Ohne Unrechtsbewusstsein wird in Form geistiger Umweltverschmutzung die Lüge vom tierfreundlichen Staat aufrechterhalten und von der Justiz gerechtfertigt. Aber was hat die Justiz nicht alles gerechtfertigt im Lauf der Geschichte?

Gleichzeitig aber steigen die Tierversuchszahlen, Massentierstallungen werden aus dem Boden gestampft und betäubungsloses Schächten aus Gründen der „Religionsfreiheit” toleriert. Mögen doch alle diese kaltblütigen, unbarmherzigen, am Gesamtwohl aller Lebewesen desinteressierten Menschen ein vergleichbares Los erleiden, das sie der Tierwelt erbarmungslos auferlegen!

„Staat nenne ich‘s, wo alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord aller – ‚das Leben‘ heißt. Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme.“

(Friedrich Nietzsche: Die Reden Zarathustras)

Ich klage alle Menschen und Wirtschaftsunternehmen an, die ihren Lebensunterhalt mit Tierausbeutung, Tierqual und Tiermord verdienen. Ich klage insbesondere die Landwirte der Massentierhaltung, die Pelztierzüchter, die Hühnerbarone, die Tiertransportfahrer, die Schlächter in den Fleischfabriken und die Wissenschaftler in den Versuchslaboren an.

Ich klage die Bauern an, die rücksichtslos Kleinlebewesen und Mikroorganismen durch den massiven Einsatz von Pestiziden vernichten und alle Konsumenten, die diese Verbrechen mit ihrer täglichen Kaufentscheidung kritiklos fördern.

Ich klage sie auch an, aus persönlichem Profit über Leben und Wohlergehen von beseelten Wesen größtes Leid zu bringen, sie des einmaligen Lebens sowie der Freiheit als auch aller sozialer Strukturen zu berauben, sie zur Ware zu degradieren und jegliche Achtung und Ehrfurcht vor nichtmenschlichem Leben verloren zu haben.

Ich klage die Konsumenten an, in Unbarmherzigkeit und Erbarmungslosigkeit zu verharren, sich hinter der Maske des Nichtwissens zu verstecken und auf den Gaumenkitzel von Fleischprodukten nicht zu verzichten. Ihre anthropozentrische Denkweise begründet die Blutspur der unschuldigen, unbeweinten Kreatur, ihr Verhalten ist jenseits jeglicher Moral und Ethik, ihr Verhalten hinterlässt künftigen Generationen ein ökologisches Chaos!

Ich klage alle Vernichter von Leben an, die ohne die moralische Rechtfertigung einer Überlebensnotwendigkeit wildlebende Tiere aus Freizeitvergnügen, Spaß, gesellschaftlicher Reputation, kurz gesagt, aus niederen Tötungsinstinkten heraus ermorden, die unter vorgeschobenen ökologischen Interessen mit hochtechnisierter Jagd Regeln des Tierschutzes, der Fairness, des ethischen Anstandes unbeachtet lassen.

Es sind Menschen, die offenbar aus einer Fülle von egoistischen, materiellen und anthropozentrischen Bedürfnisfacetten heraus handeln, Menschen, die sich nicht einmal scheuen, zur Befriedigung ihrer Tötungsgelüste im Ausland artengeschützte Wildtiere zu ermorden.

Ich klage alle Tiervernichter an, jegliche Achtung, Demut und Ehrfurcht vor dem nichtmenschlichen Leben auf dem Altar ihrer Tötungsinstinkte, Wirtschaftsinteressen und niederen Machtgelüste zu opfern.

Ich klage sie der ethischen und moralischen Aufgabe und Vernichtung aller Werte an, welche die Menschheitsgeschichte als große Ideale hervorgebracht hat. Der Fluch der unschuldigen Mordopfer liegt auf diesen geistigen Eckenstehern der Ethik, auf der incorrigiblen Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit der menschlichen Spezies!

 

Goethe und die Kirche

Göthe


Göthe

 

Staatsleistungen an die Kirche: „Falsch verstandene Freundlichkeit gegenüber der Kirchen.“

Staatsleistungen an die Kirche„Falsch verstandene Freundlichkeit gegenüber den Kirchen“

Auch wer nicht Mitglied ist, finanziert die Kirchen: über Staatsleistungen aus Steuermitteln. Der FDP-Politiker Stefan Ruppert will diese Zahlungen beenden – so, wie es das Grundgesetz vorsehe. Beim Thema sexueller Missbrauch müsse der Staat seinen Strafanspruch „unbedingt durchsetzen“.

Stefan Ruppert im Gespräch mit Monika DittrichHören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek

Hessen, Fulda: Kardinal Reinhard Marx, links, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, ist im Anschluss einer Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz zur Vorstellung der Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" von Kameras umringt. (Arne Dedert/dpa)

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Marx inmitten von Journalistinnen und Journalisten. (Arne Dedert/dpa)

Monika Dittrich: Heute beginnt die Vollversammlung der katholischen deutschen Bischöfe. Ein Thema, das dort nicht auf der Tagesordnung steht, aber seit sage und schreibe 100 Jahren ein Thema sein müsste, das sind die sogenannten Staatsleistungen, die die Kirchen bekommen. Im vergangenen Jahr war das eine halbe Milliarde Euro, 538 Millionen, um genau zu sein. Wir sprechen hier nicht über die Kirchensteuer – denn das ist ja ein Mitgliedsbeitrag. Sondern es geht um Geld, das die Kirchen vom Staat bekommen, aus dem allgemeinen Steueraufkommen – etwa als Entschädigung dafür, dass sie im 18. oder 19. Jahrhundert ihre Kirchengebäude abgeben mussten. Diese Praxis sollte schon längst beendet werden – so steht es in Artikel 138 der Weimarer Reichsverfassung von 1919 und dieser Verfassungsauftrag wurde auch in das Grundgesetz übernommen. Ich habe den religionspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Stefan Ruppert gefragt, wie lange die deutschen Steuerzahler wohl noch die Gehälter der deutschen Bischöfe bezahlen müssen.

Stefan Ruppert: Sie sprechen die Staatsleistungen an, also die Leistungen des Staates an die Kirche aufgrund von Enteignungen im 19. Jahrhundert. Ich wünsche mir, dass die abgelöst werden. Das bedeutet, dass durch eine Zahlung des Staates dieser Anspruch an ein Ende kommt. Ich bin dazu in guten Gespräch, aber ob auch die große Koalition auf einen fairen Interessenausgleich auf Staat und Kirche eingeht, da bin ich mir noch nicht sicher.

Dittrich: Warum ist es so schwierig, die Praxis der Staatsleistungen zu beenden?

„Einmalige Zahlung in beträchtlicher Höhe“

Ruppert: Sie beruhen auf sehr unterschiedlichen Rechtsgrundlagen. Zum einen: die Enteignungen 1803 und 1806, zum anderen sind neue Verträge hinzugekommen. Sie sind historisch gewachsen und belaufen sich auf 540 Millionen im Jahr und sind von der Kirchensteuer, das will ich auch mal deutlich sagen, von der Kirchensteuer zu unterscheiden. Es hat jetzt die Rolle nach der Verfassung, eine Rahmengesetzgebung zu erlassen, also Regeln für die Ablösung und dann könnten die Länder nach diesen Regeln vorgehen.

Zu Ihrer Frage, warum es noch nicht dazugekommen ist: zum einen, weil eine einmalige Zahlung des Staates notwendig ist, die dann auch eine beträchtliche Höhe erreicht. Davor mag der eine oder andere zurückscheuen. Und dann gibt es noch eine aus meiner Sicht falsch verstandene Freundlichkeit gegenüber den Kirchen. Ich bin selbst sehr kirchlich geprägt, bin Protestant und gläubiger Mensch. Aber ich finde es richtig, dass im weltanschaulich neutralen Staat die Kirche für ihre eigene Finanzierung sorgt und nicht ein Steuerzahler, der nicht in der Kirche ist. Deswegen schafft diese Ablösung eine Unabhängigkeit der Kirchen gegenüber dem Staat und macht beide glaubwürdiger.

Dittrich: Diese Freundlichkeit, die Sie gerade genannt, haben, führt die dazu, dass die Parteien sich mit den Kirchen nicht anlegen wollen?

„Ich verstehe, dass die Kirchen diesen Akt der Selbstlosigkeit nicht leisten wollen“

Ruppert: Ich schätze die Kirchen als wichtige Institutionen. Ich glaube aber auch, dass es für eine Kirche am Ende besser ist, wenn sie sagen kann, sie finanziert sich aus eigenen Mitteln und kooperiert mit dem Staat in einer freundlichen Art und Weise. Insofern finde ich es eine falsch verstandene Haltung, man wolle sich mit den Kirchen nicht anlegen, wenn man an das Thema nicht rangeht. Zuletzt muss ja auch gesagt werden: Es ist ein Auftrag unserer Verfassung. Wir sollen also als Anhänger des Grundgesetzes diesen Auftrag umsetzen. Und sich dem zu verweigern finde ich schon etwas merkwürdig.

Dittrich: Die Kirchen in Deutschland sind ohnehin finanziell gut ausgestattet, insbesondere die katholische Kirche. Sie haben die große Summe genannt. Nun könnte man doch erwarten, dass die Kirchen auf diese Summe verzichten, nachdem sie schon 100 Jahre lang zusätzlich Staatsleistungen kassiert haben.

Ruppert: Da verstehe ich die Kirchen, dass sie diesen Akt der Selbstlosigkeit nicht leisten wollen. Es ist ein Rechtsanspruch, den sie haben. Es ist ihnen Unrecht widerfahren und sie haben Verträge geschlossen. Da bin ich Rechtsstaatsanhänger und sage: Es handelt sich um kirchliche Ansprüche und die einfach zu negieren und zu verlangen, dass man darauf verzichtet, finde ich ein bisschen viel verlangt. Auf der anderen Seite muss der Staat eine Entscheidung treffen und ich glaube, dass für die Kirchen die „Preise“ nicht besser werden.  Deswegen setze ich auf konstruktive Gespräch mit den Kirchen. Am Ende werden wir einen Gesetzentwurf , der die Rahmenbedingungen festlegen soll. Ob er eine Mehrheit findet, da habe ich meine berechtigten Zweifel.

„Ich bin dafür, dass die Kirchen die Akten offenlegen“

Dittrich: Nun sehen wir diese Freundlichkeit des Staates auch bei einem anderen Thema, nämlich bei der sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche. Es geht um schwere Straftaten, trotzdem kann man den Eindruck gewinnen, dass die Politik sich zurückhält und darauf vertraut, dass die Kirchen das Problem allein in den Griff bekommen.

Ruppert: In Fällen, in denen Straftaten begangen worden sind, muss geguckt werden, ob sie noch nicht verjährt sind. Und wenn sie nicht verjährt sind, muss der Staat seinen Strafanspruch unbedingt durchsetzen. Ich nehme die Diskussion in der Kirche unterschiedlich wahr: Einige drängen sehr darauf, das Problem anzugehen. Andere äußern zwar ihr Entsetzen über das, was passiert ist, aber es fehlt manchmal an konkreten Maßnahmen, so etwa bei Papst Franziskus.

Dittrich: Aber eine konkrete Maßnahme könnte zum Beispiel sein, dass man es so macht wie in Australien, dass es eine staatliche Kommission gibt, die auch beispielsweise die Aktenherausgabe erzwingen kann. Warum gibt es das in Deutschland nicht?

Ruppert: Da, wo es Anhaltspunkte gibt, ermitteln die Staatsanwaltschaften auch. Man kennt häufig nur die Aktenlage nicht. Ich bin durchaus dafür, dass die Kirchen diese Akten offenlegen. Es gibt Persönlichkeitsrechte, die zu wahren sind. Aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn man nicht vollumfänglich mit dem Staat kooperiert. Das verlange ich auch von den Kirchen. Es gibt darüber hinaus eine moralische Verpflichtung. Viele dieser Straftaten sind leider verjährt. Aber auch da besteht eine moralische Pflicht der Kirchen, dieses Unrecht aufzuarbeiten, so wie auch staatliches Unrecht immer aufgearbeitet werden muss. Das erwarte ich von den Kirchen.

„Kirchen tragen zum sozialen Frieden bei“

Dittrich: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Deutschland? Brauche die Parteien die Kirchen?

Ruppert:  Wir haben ein gutes Staats-Kirchen-Recht oder moderner gesprochen: Religionsverfassungsrecht. Es akzeptiert, dass der religiöse Mensch sich in eigenen Angelegenheiten selbst organisiert und selbst bestimmt. Aber es fordert ein, dass dies immer in den Grenzen der Verfassung zu geschehen hat. Das ist moderner als die strikte Laizität etwa in Frankreich, wo der Staat Schwierigkeiten hat mit Religionsgemeinschaften überhaupt ins Gespräch zu kommen. Insofern finde ich unser Religionsverfassungsrecht sehr modern, es ist ein freundliches Verhältnis. Kirchen tragen zum Gelingen des sozialen Friedens vieles bei. Das will ich immer wieder unterstreichen, aber bei einigen Punkten – kirchliches Arbeitsrecht, Ablösung der Staatsleistungen und natürlich auch beim Missbrauchsskandal – liegen Aufgaben vor uns.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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Ohne Kippa, Kreuz und Kopftuch – Das neutrale Klassenzimmer

Ohne Kippa, Kreuz und Kopftuch – Das neutrale Klassenzimmer

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Ein Junge mit dunklem T-Shirt und zerzausten Haaren sitzt im Klassenzimmer und hat den Kopf auf die verschränkten Arme gestützt. (imago stock&people / photothek / Thomas Koehler)

„Schüler müssen besonders geschützt werden“, fordert der Lehrer und Autor Rainer Werner – vor religiöser, weltanschaulicher und politischer Einflussnahme durch Lehrkräfte (imago stock&people / photothek / Thomas Koehler)

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Andreas Main: Zum wiederholten Male musste das Land Berlin Ende vergangenen Jahres einer Muslimin eine Entschädigung zahlen, weil sie wegen ihres Kopftuchs nicht in den Schuldienst übernommen wurde. Das Landesarbeitsgericht sprach der Frau eineinhalb Monatsgehälter zu. Sie sei aufgrund ihrer Religion benachteiligt worden.

Gleichwohl stellte das Gericht das Berliner Neutralitätsgesetz nicht infrage, das Polizisten, Justizmitarbeitern und Lehrern allgemeinbildender Schulen das Tragen religiös geprägter Kleidungsstücke im Dienst untersagt. Dieses Gesetz, es sei verfassungskonform auslegbar. Im konkreten Einzelfall sei allerdings keine Gefahr für den Schulfrieden oder die staatliche Neutralität durch das Kopftuch erkennbar gewesen, so das Gericht.

Wir wollen nicht in die Berliner Landespolitik einsteigen, aber die hinlänglich bekannten Wünsche der Religionsgemeinschaften konfrontieren mit dem Wunsch eines erfahrenen Lehrers, der sagt: Schule muss neutral bleiben. Der Lehrer heißt Rainer Werner. Er arbeitete 30 Jahre lang als Lehrer für Deutsch und Geschichte an unterschiedlichen Schulen Berlins. Auch nach der Pensionierung hat er freiwillig unterrichtet. Ein Vollblutlehrer, der didaktische Bücher geschrieben hat und sich zu pädagogischen Themen in Tageszeitungen und im Rundfunk äußert. Das Gespräch mit Rainer Werner haben wir in unserem Berliner Funkhaus aufgezeichnet. Danke, Rainer Werner, dass Sie ins Studio gekommen sind, guten Morgen.

Rainer Werner: Guten Morgen.

Main: Herr Werner, um erst mal die Grundlagen zu schaffen: Was ist aus Ihrer Sicht der Kern des Neutralitätsgesetzes und der Stand der Rechtsprechung?

Werner: Das Neutralitätsgesetz hilft uns Lehrern im Grunde zu gewährleisten, dass die Schule und der Unterricht neutral durchgeführt werden. Es hält religiöse Konflikte von der Schule fern und auch vom Unterricht, wo ja die Kinder schutzlos den Lehrkräften ausgeliefert sind. Es gibt das sogenannte Überwältigungsverbot. Lehrkräfte dürfen die Schüler nicht mit ihrer eigenen Weltanschauung oder mit ihrem religiösen Bekundnis im Grund überrumpeln, weil sie in der Regel da keine Gegenwehr parat haben.

Eine Schülerin mit Kopftuch sitzt am 05.02.2015 an der Johann Hinrich Wichern-Schule in Frankfurt am Main (Hessen) bei einer Unterrichtsstunde zum Thema Islam.  (dpa / Frank Rumpenhorst)

„Manchmal tragen schon zehnjährige Kinder ein Kopftuch“, sagt der ehemalige Berliner Lehrer Rainer Werner. (dpa / Frank Rumpenhorst)

Bisher hat das Neutralitätsgesetz das hervorragend geschafft und es wurde auch von Lehrern nie beanstandet oder von Schülern und von Eltern schon gar nicht. Bis dann eben die Diskussion aufkam nach diesen diversen Urteilen, die Sie erwähnt haben, und die vor allem von grüner Seite, also von grünen Politikern losgetreten wurde und die nun das Neutralitätsgesetz entweder verändern oder aufweichen wollen.

„Lehrer müssen ihre Neutralität sichtbar machen“

Main: Was ist der Stand der Rechtsprechung aus Ihrer Sicht?

Werner: Also, wie Sie gesagt haben, wurde das Neutralitätsgesetz von Gerichten nie infrage gestellt. Es wurde nur zu bedenken gegeben, ob es nicht möglich sei, etwas mehr Toleranz walten zu lassen. Das heißt also zum Beispiel eine Lehrerin, die eine Muslima ist und die gerne aus religiöser Überzeugung ein Kopftuch tragen würde, ihr das zu gestatten.

Das Gericht hat sozusagen die Glaubensfreiheit, die auch im Grundgesetz gewährleistet ist durch Artikel 4, höher veranschlagt als das Gebot, vor den Kindern neutral aufzutreten und sich also im Grunde auch Kleidungsstücken zu enthalten, auch sich religiösen Symbolen zu enthalten, die im Grunde zu erkennen geben würden, welcher Glaubensrichtung die Lehrerin angehört.

Das sollen die Schüler im Grunde nicht wissen. Wie auch ein Bahnreisender nicht wissen soll, ob der Schaffner ein Hindu oder ein Buddhist oder ein Moslem ist. Deshalb trägt er auch ja eine Uniform, um die Neutralität auch zu bekunden. Aber da Lehrer keine Uniform tragen, müssen sie sich sozusagen religiöser Symbole oder auch Kleidungsstücke enthalten, um die Neutralität eben für alle, die im Schulleben beteiligt sind, auch für die Eltern, sichtbar zu machen.

„Manchmal tragen schon zehnjährige Kinder ein Kopftuch“

Main: Der Knackpunkt in der ganzen Frage scheint mir ja die Begründung des Gerichts zu sein, wenn es sagt, eine Lehrerin mit Kopftuch gefährdet nicht den Schulfrieden. Würden Sie so weit gehen und aus der Praxis heraus das Gegenteil behaupten, also dass eine Lehrerin mit Kopftuch den Schulfrieden gefährdet?

(Privat)

Rainer Werner (Privat)Werner: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Sondern Unterricht spielt sich auch quasi viel subtiler ab. Ich will es an einem Beispiel erläutern. In der Grundschule – gerade in Berlin, wahrscheinlich auch in anderen Großstädten – sitzen inzwischen viele Mädchen, die dem muslimischen Glauben angehören und die von ihren Eltern gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Manchmal tragen schon zehn-/elfjährige Kinder ein Kopftuch, weil ihnen das verordnet worden ist.

So, wenn nun eine Grundschullehrerin auftreten würde, die selbst ein Kopftuch trägt, dann würde diesen Mädchen signalisiert: Es ist doch alles in Ordnung, auch die Lehrerin trägt ein Kopftuch. Während ich der Meinung bin, eine Lehrerin, die muss zuerst signalisieren, dass Bildung wichtig ist und nicht ein religiöses Bekenntnis. Und gerade für muslimische Mädchen ist der Aufstieg durch Bildung essentiell. Durch Bildung können die alles gewinnen.

Deshalb habe ich muslimische Mädchen auch immer darin unterstützt, auf alle Fälle Abitur zu machen. Wenn sie nämlich dann einen akademischen Beruf ergreifen, dann können sie ein für alle Mal dem patriarchalischen Familienverband entkommen und eigenbestimmt leben, auch einen eigenen Partner suchen usw. Und das würde eine weltanschaulich neutrale Lehrerin eher unterstützen als eine, die ein Kopftuch trägt. Die würde eher den rückwärtsgewandten Gedanken befördern. Und das kann doch nicht im Sinne der Kinder sein.

„Wir stellen uns mal vor, eine Muslima wäre Richterin“

Main: Wir haben jetzt mehrfach den Begriff „neutral“ benutzt. Ich halte jetzt einfach mal dagegen: Kein Mensch ist neutral. Wenn eine Lehrerin mit Kopftuch nicht versucht, die Kinder zu missionieren, dann könnte man doch sagen, sie ist neutral, obwohl sie ein Kopftuch trägt.

Werner: Ich will es mal an einem anderen Beispiel erläutern, was im Grunde noch sinnfälliger ist. Wir stellen uns mal vor, eine Muslima wäre Richterin. Das Neutralitätsgesetz gilt ja auch für andere staatliche Bereiche, nicht nur für Schulen, sondern auch für Gerichte und für die Polizei.

Und wenn diese Richterin nun einen Jugendlichen aburteilen müsste, der aus einer arabischen Familie stammt und der Autos gestohlen hat und das Urteil würde milde ausfallen – in der Meinung der Öffentlichkeit –, dann würde ihr sofort unterstellt werden, sie hätte sozusagen einen Glaubensgenossen aus ihrer Glaubensgemeinschaft bevorzugt, indem sie ihn milde abgestraft hat – was gar nicht stimmen muss. Vielleicht ist es gerichtlich oder juristisch geboten, ein mildes Urteil zu fällen in diesem Fall. Gerade bei Jugendlichen. Die müssen ja eine zweite Chance bekommen.

Übertragen auf die Schule will man das einfach verhindern. Auch die Lehrer können Noten geben und müssen Noten geben. Und mit der Notengebung verteilen sie auch Sozialchancen, Berufschancen für die Zukunft. Und um das im Grunde unanfechtbar zu machen, sollten im Grunde religiöse Bekundungen außen vor bleiben, genauso Symbole und Kleidung.

„Schüler müssen besonders geschützt werden“

Main: Aber können wir den Kindern und Jugendlichen nicht zutrauen, dass sie das trennen können, also, dass sie erkennen, dass das eine die Religiosität einer Frau ist, und das andere ist der Inhalt und der Schulstoff, den sie vermittelt?

Werner: Ich würde sagen, einem Schüler, der in der gymnasialen Oberstufe ist, dem kann man das zutrauen. Aber kleine Kinder, Grundschüler oder auch Schüler der Sekundarstufe I können das eben noch nicht. Und die müssen besonders geschützt werden.

Und ich frage mich: Warum muss denn eine Frau, die Lehrerin werden will und eine Muslima ist, partout einfach das Kopftuch tragen? Sie könnte es doch vorher abnehmen und sagen: Okay, wenn ich aus dem Klassenzimmer rausgehe und auf mein Fahrrad steige und nach Hause fahre, dann trage ich das Kopftuch wieder. Da fällt ihr doch kein Zacken aus der Krone. Sie bleibt doch Muslima.

Ein Kreuz im Klassenzimmer einer Grundschule.  (Picture Alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Der Glaube brauche keine äußeren Symbole, meint der Autor Rainer Werner. (Picture Alliance / dpa / Karl-Josef Hildenbrand)

Ich finde, der Glaube ist doch was Inwendiges, egal von welcher Glaubensgemeinschaft. Er hat etwas mit dem Herzen zu tun. Es hängt doch nicht davon ab, ob man nun den Gegenstand trägt, die Halskette trägt oder den Sticker oder meinetwegen das Kleidungsstück.

„Das konservative Lager verteidigt das Neutralitätsgesetz“

Main: Der Pädagoge Rainer Werner im Deutschlandfunk im Gespräch über Neutralität und Religion in Schulen hierzulande. Sie haben eben die Grünen erwähnt, dass die hier in Berlin dazu neigen, das Neutralitätsgesetz aufweichen zu wollen. Es war ja eigentlich immer so, dass die Anhänger des Neutralitätsgesetzes eher dem linken Lager zugehörten. Von daher entsteht da jetzt eine gewisse Verwirrung. Wo sehen Sie die Gegner und wo sehen Sie die Sympathisanten dieses Neutralitätsgesetzes?

Werner: Also, ich würde sagen, das ganze konservative Lager möchte das Neutralitätsgesetz verteidigen. Da hat sich wirklich ein Wechsel, ein Paradigmenwechsel vollzogen.

Main: Aber die SPD ist auch noch in dem Lager?

Werner: Die SPD ist gespalten. Es gibt zum Beispiel die Senatorin für Schulwesen, die Sandra Scheeres, die möchte an dem Gesetz festhalten. Es gibt aber linke Abgeordnete in der Fraktion, die dann eher mit den Grünen stimmen würden, wenn es darauf ankäme, das Gesetz zu kippen, weil sie sagen: Toleranz über alles.

„Sie haben ihre Haare frei flattern lassen“

Main: Rainer Werner, Sie haben mal geschrieben, dass es mit Blick auf türkischstämmige Schüler einst, als Sie Junglehrer waren, dass es da um Rabaukentum ging und um ähnliche Konflikte, die vor allem auch mit der sozialen Stellung der Herkunftsfamilie zu tun hatten. Jetzt seien die meisten Konflikte scheinbar religiös grundiert. Beschreiben Sie das mal aus dem Alltag. Wie erleben Sie diese Veränderung?

Werner: In den 80er Jahren war ich an einer Gesamtschule im Berliner Märkischen Viertel. Und das war damals ein Brennpunktgebiet und der Ausländeranteil war sehr hoch mit 50 bis 60 Prozent. Von diesen Ausländern waren 90 Prozent Muslime. Und da hat – ich kann es heute noch kaum fassen, wenn ich zurückdenke, ich habe auch mit Kollegen darüber gesprochen – kein muslimisches Mädchen hat ein Kopftuch getragen. Sie haben ihre Haare frei flattern lassen und haben sich genauso gekleidet wie die deutschen Mädchen.

Und die Jungs waren eben, ähnlich wie die deutschen Jungs, sportbetont und körperbetont. Rangeleien waren an der Tagesordnung. Wenn es Konflikte gab, dann weil sie einfach die Grenzen überschritten haben. Und wir haben das dann immer auf ihre Herkunft geschoben, und zwar nicht auf die religiöse Herkunft, sondern auf die soziale Herkunft.

Und das hat sich geändert, ich würde sagen, nach dem einschneidenden Datum 11.09.2001, also der Angriff auf die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York. Da kamen ja anschließend zwei Kriege, nämlich in Afghanistan und im Irak. Und das hat den Islam weltweit in Aufruhr versetzt.

„Dann schicke ich sie lieber in die Türkei zurück“

Main: Das erleben Sie auch quasi auf dem Schulhof?

Werner: Und das haben wir erlebt, dass dann sozusagen auch im politischen Unterricht die Schüler, die muslimischen Schüler plötzlich gegen die USA polemisiert haben, natürlich auch gegen Israel, die ja mit den USA verbündet waren. Aber auch gegen die deutsche Regierung, weil die sich zwar am Irak-Krieg nicht beteiligt hat, aber immerhin am Afghanistan-Krieg.

Main: Israel im Übrigen auch nicht.

Werner: Ja, genau. Das war mehr die politische Bekundung der Schüler. Aber es gab noch eine andere Form der Einflussnahme, nämlich, dass plötzlich Schülerinnen, muslimische Schülerinnen aufgetreten sind und sich geweigert haben, am Schwimmunterricht, am Sportunterricht insgesamt teilzunehmen, dass sie einen Schrieb ihrer Eltern mitgebracht haben, dass sie bei der Klassenfahrt nicht beteiligt sein können oder Schulfeste nicht besuchen dürften, um sozusagen vor sündigen Einflüssen, die dort stattfinden, geschützt zu werden.

Ich habe da sogar einen Vater erlebt, der hat es so begründet, er hat gesagt: Meine Tochter hat einen Körper und der Körper darf anderen Schülern nicht gezeigt werden. Und, wenn sie am Sportunterricht sich beteiligen muss, dann schicke ich sie lieber in die Türkei zurück, um sie dort an eine türkische Schule zu geben. Dort können Mädchen vom Sportunterricht befreit werden. Und das hat der Vater gemacht. Und er hat dem Mädchen die Chance, in Deutschland ein Abitur zu machen, geraubt.

„Warum sollen wir das Rad der Geschichte zurückdrehen?“

Main: Aber sind das nicht am Ende – trotz dieses individuell für das Mädchen wahrscheinlich dramatischen Schicksals – sind das nicht am Ende des Tages alles Bagatellen, die wir hinnehmen müssen, weil es ja auch ein hohes Gut ist, in einer pluralen Gesellschaft abweichendes Verhalten zu ertragen und auszuhalten?

Werner: Ich bin durchaus dieser Meinung, dass man gerade auch im schulischen Bereich, wo ja Toleranz auch ein Bildungsziel ist, dass man tolerant sein muss. Aber wenn man all diese Vorfälle zusammenfasst, dann kommt man nicht umhin, um doch eine politische Agenda zu vermuten, dass zum Beispiel auch die Islamverbände da im Grunde Eltern und Schüler instrumentalisieren, um die Schule in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Das hat man jetzt jüngst gemerkt: Beim letzten Ramadan ist in Deutschland eine Diskussion entstanden, weil Islamverbände gefordert haben, zum Beispiel Klassenarbeiten während des Ramadans zu unterlassen, weil die Kinder unterzuckert seien und sie könnten dann nicht die volle Leistung bringen, was sie dann benachteiligt.

Und als Höhepunkt ist hier ein Fall aufgetreten, dass ein Vater zu einem Direktor einer Sekundarschule gekommen ist und ihn aufgefordert hat, aus der Klasse, wo seine beiden Söhne sitzen, die Lehrerinnen abzuziehen, weil die Lehrerinnen sozusagen bei den Söhnen weniger Respekt genießen als eben männliche Lehrer. Und das würde bedeuten, dass der Schüler dann weniger lernt.

Und das muss man sich einfach mal vorstellen. In Deutschland wurde der Lehrerberuf vor 150 Jahren für Frauen geöffnet. Warum sollen wir das Rad der Geschichte zurückdrehen um diese lange Zeit und wieder bei null anfangen?

Auch Kreuz und Kippa „widersprechen dem Neutralitätsgesetz“

Main: Der Pädagoge Rainer Werner im Deutschlandfunk im Gespräch über die neutrale staatliche Schule. Herr Werner, in der Praxis, im Schulalltag, von dem Sie gerade berichtet haben: Wie oft sind Ihnen Kolleginnen und Kollegen begegnet mit deutlich sichtbaren Kreuzen?

Werner: Ich würde sagen eher wenige. Ein paar gibt es. Allerdings sind die Kreuze dann nicht sehr groß. Sie sind nicht sehr demonstrativ. Aber es kommt durchaus vor, dass Frauen, Männer weniger, aber Frauen Kreuze tragen, um zu signalisieren, dass sie Christinnen sind.

Main: Widerspricht das dem Neutralitätsgesetz?

Werner: Ich würde sagen: Gleiches Recht für alle. Es widerspricht dem Neutralitätsgesetz. Genauso wie die Kippa eines jüdischen Lehrers, wenn er denn an einer staatlichen Schule auftreten würde. Oder …

Main: Die hätte er dann auch abzusetzen?

Werner: Die hätte er dann auch abzusetzen. Sonst könnten wir den muslimischen Frauen das Kopftuchverbot nicht schmackhaft machen, wenn gleichzeitig Christen oder andere Religionsgemeinschaften ihre Kleidungsstücke dann tragen dürften.

Religions- statt Ethikunterricht

Main: Es gibt den Sonderfall, dass es einen konfessionellen Religionsunterricht in staatlichen Schulen gibt. Wenn jetzt eine Ordensfrau oder ein Benediktinermönch als Beispiel zum Religionsunterricht geht, durch das Gebäude, die staatliche Schule, darf er dann ein Ordensgewand oder sie ein Ordensgewand tragen?

Werner: Aber selbstverständlich. Wenn der Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach ist, was sogar im Grundgesetz garantiert ist in Artikel 7, dann darf er natürlich in jedem Habit, in jedem Aufzug kann er dann in die Schule kommen, den Unterrichtsraum aufsuchen, wo der Religionsunterricht stattfindet und dann eben diesen Religionsunterricht nach seinen Regeln, nach den Regeln seiner Religionsgemeinschaft durchführen, weil der Staat ihm nicht hineinreden kann.

Der Religionslehrer Ridwan Bauknecht steht am 27.8.2012 in Bonn an der Robert-Koch-Schule im Islamunterricht vor der Klasse. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Alle Religionsgemeinschaften sollten an staatlichen Schulen unterrichten, fordert der Lehrer Rainer Werner – wie hier beim Islamunterricht an einer Grundschule in Bonn (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Main: Das würde dann eben auch bedeuten, in einem islamischen Religionsunterricht würden Sie eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch akzeptieren?

Werner: Ja, auf alle Fälle. Deshalb bin ich ja ein großer Vertreter des Religionsunterrichts. Ich habe es auch schlecht gefunden, dass der Ethik-Unterricht eingeführt wurde, weil das im Grunde die Dimension der Religion, nämlich die transzendente oder metaphysische Dimension der Religion verkürzt auf ein freundliches Miteinander. Das ist der Grundmodus des Ethik-Unterrichts. Und das ist für meine Begriffe zu wenig für Kinder, die nach einem Sinn, nach einem Lebenssinn fragen.

Deshalb möchte ich gerne, dass der Religionsunterricht wiederbelebt wird, und zwar von möglichst allen Religionsgemeinschaften, die es in einer Großstadt gibt. Die sollen quasi ein Angebot unterbreiten und dann können die Schüler aussuchen, welchen Religionsunterricht sie aufsuchen. Und dann werden sie dort mit den Grundtatsachen, den Glaubensvorstellungen dieser Religionsgemeinschaften vertraut gemacht.

„Das verkürzt die Religion“

Main: Also, ein eindeutiges Plädoyer für den konfessionellen Religionsunterricht. Es hat in jüngster Zeit immer wieder mal Forderungen gegeben, den konfessionellen Religionsunterricht möglichst ganz abzuschaffen. Der Integrationsexperte Ahmad Mansour zum Beispiel hat das jüngst in dieser Sendung getan. Aber auch die bayrische FDP und sicher auch andere, die dafür plädieren, stattdessen einen Religionskundeunterricht für alle Schüler einzuführen. Was haben Sie gegen diese Idee, die doch auch vielen erst mal plausibel erscheinen dürfte?

Werner: Aber das macht doch im Grunde der Ethikunterricht. Der Ethikunterricht hat außer philosophischen Tatbeständen alle Weltreligionen sozusagen im Blick, aber eben verkürzt um den Glauben, weil natürlich ein Sozialkundelehrer, der dann das Christentum erklären muss, der erklärt es nicht so wie ein Religionslehrer, der selbst Christ ist, sondern er erklärt es so, wie man sozusagen das Grundgesetz erklärt oder eine chemische Formel, nämlich als Wissenstatbestand. Das verkürzt die Religion.

Aber die Religion hat immer eine Dimension der Transzendenz. Und das ist für Schüler, für Heranwachsende wichtig. Die wollen doch wissen: Woher komme ich und wohin gehe ich? Was geschieht nach dem Tod mit mir? Und da kann nur eine Religion eine bündige Antwort geben. Und deshalb halte ich den Religionsunterricht gerade auch unter philosophischen Gesichtspunkten für sehr viel wertvoller als einen Religionskundeunterricht, wo nur Wissen vermittelt wird oder als den Ethikunterricht, wo das sozusagen herunterbuchstabiert wird auf die unmittelbare Lebenswelt.

„Im Unterricht haben religiöse Bekundungen nichts verloren“

Main: Ich fasse das mal für mich so zusammen: Sie sind Vollblutlehrer. Sie sind ein großer Anhänger der staatlichen säkularen Schule, was nicht ausschließt, dass es kirchliche oder islamische oder jüdische Schulen gibt. Und vor diesem Hintergrund ist Ihnen Religion so wichtig, dass Sie sagen: Das darf nicht alles vermischt und verwaschen werden. Ist das ungefähr richtig versucht zusammenzufassen?

Werner: Ja. Und deshalb ist eine klare Trennung wichtig. Im reinen Fachunterricht, ob das nun Spanisch ist oder Chemie oder Physik oder Musik, dort haben religiöse Bekundungen, genauso weltanschauliche Bekundungen nichts verloren. Die gehören nur in den konfessionellen Unterricht, nämlich in den Religionsunterricht. Dort haben sie ihren Platz. Und das muss quasi ein junger Mann oder eine junge Frau, die Lehrer oder Lehrerin werden wollen, wissen.

Also, wenn ich zum Beispiel – ich versetze mich jetzt mal in den Kopf einer Frau, die Muslima ist, wenn sie nun partout Lehrerin werden will, dann muss sie überlegen: Kann ich das werden, ohne, dass ich dann mit meinem Kopftuch in den Unterricht gehen will, um das zu bekunden? Wenn ich das Kopftuch unbedingt brauche für meine Identität oder für meine religiöse Glaubensüberzeugung, dann muss ich entweder in eine Privatschule gehen, die von Muslimen betreut wird …

Main: Oder auch in eine katholische Schule, die hat da auch kein Problem mit.

Werner: Zum Beispiel, ja. Oder eben ich muss in den muslimischen Religionsunterricht, der ja in manchen Bundesländern auch schon angeboten wird. Dort ist dann der richtige Platz, aber nicht im weltlichen Unterricht.

„Warum nicht auch die Weltanschauung?“

Main: Abschließend kehren wir noch mal zum Ausgangspunkt zurück, zum Neutralitätsgebot. Würde das übermorgen in Berlin komplett abgeschafft, wie es eben Teile der Regierungskoalition wollen, was würde dann im Schulalltag konkret passieren?

Werner: Auf Anhieb würde sich wahrscheinlich wenig ändern. Es würde aber ein schleichender Prozess einsetzen, dass dann glaubensfeste Menschen unterschiedlicher Religionen – da zähle ich jetzt auch die Christen dazu –, dass die im Grunde die Gunst der Stunde nutzen würden, um, wenn sie Lehrer geworden sind, durch Symbole, durch auch Äußerungen, die sie tätigen, und durch Kleidungsstücke, die sie tragen, quasi ihrer religiösen Identität Ausdruck zu verleihen.

Main: Vielleicht sogar auch politische Überzeugung.

Werner: Das ist der entscheidende Punkt. Wenn zum Beispiel die religiöse Bekundung erlaubt wäre, dann könnte sofort ein Weltanschauungsverband oder eine politische Partei kommen und sagen: Warum nicht auch die Weltanschauung? Dann kommt Greenpeace und sagt: Ja, Lehrer müssen unseren Sticker tragen dürfen. Und so weiter.

Das heißt, dann wäre die Büchse der Pandora geöffnet auch für weltanschauliche Symbole und für Sticker von politischen Parteien. Und was wäre dann, wenn die AfD dann auf den Plan tritt, ihre Anhänger auffordert, Lehrer zu werden, weil dann eine gute Beeinflussungsmöglichkeit gegeben ist, im normalen Fachunterricht immer zu signalisieren: Schaut, ich bin in der richtigen Partei.

„Dann hätten wir einen Kulturkampf“

Main: Und das würde dann wiederum jene auf den Plan rufen, die, wenn die Büchse der Pandora geöffnet ist – wie Sie es formuliert haben – die versuchen würden, Religionsgemeinschaften eher noch stärker aus der Öffentlichkeit herausdrängen zu wollen.

Werner: Ja. Dann hätten wir im Grunde einen Kulturkampf, wie wir ihn im 19. Jahrhundert hatten unter Bismarck, der ja der deutschen Gesellschaft nicht gutgetan hat. Und deshalb plädiere ich dafür, ein Gesetz wie das Neutralitätsgesetz, das 2005 – also, das Berliner Gesetz wurde 2005 erlassen, ist jetzt 14 Jahre alt und es hat sich bestens bewährt. Und warum soll ein Gesetz, das im Grunde bisher den Frieden in der Schule gewährleistet hat, partout aufgeweicht oder verändert werden?

Main: Würden Sie womöglich sogar so weit gehen, das auch anderen Bundesländern, die es nicht haben, zu empfehlen?

Werner: Ja, unbedingt.

Main: Rainer Werner, ehemaliger Lehrer und Autor diverser pädagogischer Fachbücher zur Debatte rund um Neutralitätsgesetze, ganz herzlichen Dank.

Werner: Keine Ursache.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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Ohne ein Leben …



„Ohne ein Leben nach dem Sterben
bleibt dieses Leben
ein phantastisches Chaos,
die Erde ein unbegreifliches Massengrab
und unser Geborensein ein Verbrechen,
auf das die Todesstrafe gesetzt ist.
Verstanden werden kann das Leben
nur im Lichte der Ewigkeit.“

Carl-Ludwig Schleich,
Arzt und Schriftsteller, 1859-1922

 

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